Vom Bohrkern zur Klimaaussage

Stapel von Baumscheiben mit Jahresringen

Aus einem 5-Millimeter-Bohrkern lassen sich Jahresring­breiten, Holzdichte und Spätholz­anteil ablesen, mit der passenden Methodik dazu weitere Größen. Wer die Daten klima­tologisch interpretieren will, hat zwischen Bohrkern und Aussage einige Bausteine zu beachten. Dieser Werkstatt­artikel geht sie der Reihe nach durch.

Markierter Probebaum mit Nummer am Stamm

Stichprobenwahl

Für eine belastbare Standorts­chronologie reichen weder ein einzelner Baum noch eine zufällige Auswahl. In der Praxis werden zehn bis sechzehn Bäume pro Standort beprobt, jeder Baum mit zwei Kernen aus gegenüber­liegenden Stamm­seiten. Aus den Einzel­serien entsteht durch Mittelung eine Standort­chronologie. Bestände mit Hang­reaktions­holz, mit Wachstums­anomalien aus Mikro­habitat oder mit auffälligen Einzel­bäumen werden ausgeschlossen, sonst verwischt das Klima­signal im Bestands­rauschen.

Crossdating und Qualitäts­maße

Die Kerne werden im Labor planiert und unter Stereolupe oder Hochauflösungs-Scanner vermessen. Anschließend wird jede Serie gegen die anderen verglichen und über die Software Cofecha statistisch geprüft. Bäume mit einer Inter-Korrelation unter 0,5 werden bei strenger Anwendung ausgeschlossen, je nach Bestand und Fragestellung wird auch eine Schwelle von 0,3 genutzt. Standard­chronologien werden mit dem R-Paket dplR berechnet. Die üblichen Qualitäts­maße sind die Gleich­läufigkeit (GLK), das Signal-Rausch-Verhältnis (SNR), die Expressed Population Signal (EPS) sowie die mittlere Inter-Serien-Korrelation und der mittlere Korrelations­koeffizient zwischen Bäumen (rbar). Eine EPS unter 0,85 stellt die Aussagekraft einer Chronologie für Klima­analysen in Frage; in Beständen an der Waldgrenze mit wenigen Bäumen wird dieser Wert auch unterschritten und die Aussage entsprechend vorsichtig formuliert.

Detrending und Klima-Korrelation

Vor der Klima­korrelation wird die alters- und bestands­bedingte Wachstums­tendenz aus den Ring­breiten heraus­gerechnet (Detrending). Üblich ist ein Spline mit einer Frequenz­antwort von 0,5 bei 30 Jahren Wellenlänge. Anschließend werden die detrendierten Indizes (Ring Width Index, RWI) mit einem autoregressiven Modell erster Ordnung vor­weiß­gerechnet, um die Jahr-zu-Jahr-Autokorrelation aus den Serien zu entfernen. Aus den daraus entstandenen Residual­chronologien werden statische saisonale Korrelationen mit Temperatur, Niederschlag und dem Standardized Precipitation-Evapotranspiration Index (SPEI) gerechnet, ergänzt um tägliche Korrelations­analysen mit der Funktion daily_response() aus dem Paket dendrotools. Diese Vorgehensweise findet das tatsächlich wirksame Zeitfenster der Klima­sensitivität, ohne dass es vorher fest­gelegt werden müsste.

Zusammenhänge zwischen Standorten

Wenn mehrere Standorte entlang eines Höhen­gradienten beprobt sind, lassen sich die Chronologien zusätzlich zueinander in Beziehung setzen. In der Praxis kommen dafür hierarchische Cluster­analysen (HCA) und die Principal Component Gradient Analysis (PCGA) aus dem Paket dendRolAB zum Einsatz. Sie zeigen, ob das Wachstum entlang des Gradienten kontinuierlich auf eine gemeinsame Klimasignatur reagiert oder ob es zwischen Höhenstufen oder Baumarten Bruchpunkte gibt, die ein generelles „Klima"-Modell sprengen.

Mindestanforderungen an eine belastbare Auswertung

Eine ernst zu nehmende dendro­chronologische Auswertung gibt den Stichproben­umfang an, also die Anzahl der beprobten Bäume und Kerne pro Standort, und nennt die verwendete Detrending-Methode. Sie weist die statistischen Qualitäts­maße der Chronologie aus, vor allem die EPS und das Signal-Rausch-Verhältnis. Sie dokumentiert, mit welchen Klima­daten und in welcher räumlichen Distanz korreliert wurde, und sie benennt das Zeitfenster, in dem die Aussage robust ist. Wer eine Auswertung in Auftrag gibt oder eine fremde liest, findet hier den schnellsten Anhalts­punkt für die fachliche Belastbarkeit; fehlen mehrere dieser Bausteine, ist die abgeleitete Klima­aussage nicht überprüfbar.

Eingesetzt wird das Verfahren in den Geschichten über Lärche und Zirbe an der Baum­grenze und Wasser­verbrauch einer Lärche im Trockenjahr; in der Praxis fließt es vor allem in standorts­kundliche Gutachten und in komplexere Aufträge der Forschung und Begleitung.


Die methodische Grundlage stützt sich auf die in Frontiers in Forests and Global Change 2024 (Obojes et al., DOI 10.3389/ffgc.2024.1332941) dokumentierte Auswertungs­kette; die verwendeten R-Pakete sind dplR, treeclim, SPEI, dendrotools und dendRolAB, ergänzt um Cofecha.