An der oberen Waldgrenze in den Ostalpen wachsen Lärche (Larix decidua) und Zirbelkiefer (Pinus cembra) auf vergleichbaren Standorten unmittelbar nebeneinander. Nach gängiger Lehrmeinung gelten beide Arten als kältelimitiert; von der regionalen Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte sollten sie folglich profitieren. Eine 2024 in Frontiers in Forests and Global Change erschienene Untersuchung, an der ich als Co-Autor mitgewirkt habe, kommt zu einem differenzierteren Ergebnis.
Lärche und Zirbelkiefer an der Waldgrenze
Anlage der Untersuchung
Grundlage sind Jahrring-Chronologien von 24 Standorten zwischen 1.070 und 2.320 Metern im Matsch-Tal in Südtirol, einem der trockensten inneralpinen Täler mit 683 Millimetern Jahresniederschlag auf 1.310 Metern. Pro Standort wurden zwischen zehn und sechzehn Bäume mit 5-Millimeter-Bohrkernen beprobt; die Standorte an der Waldgrenze liegen auf 2.250 und 2.320 Metern. Die Ringbreiten der letzten Jahrzehnte wurden mit Tagesdaten der 4,5 Kilometer entfernten Klimastation Marienberg/Monte Maria auf 1.310 Metern korreliert. Neben Temperatur und Niederschlag floss das Dampfdruckdefizit der Sommerluft in die Analyse ein, also ein Maß für die Trockenheit der bodennahen Atmosphäre.
Befunde
Für die Lärche bestätigte sich die Ausgangshypothese. In warmen Sommern wuchs sie deutlich stärker, der Zusammenhang zwischen Sommertemperatur und Ringbreite ist positiv und robust. Die Zirbelkiefer hingegen zeigte ein anderes Antwortmuster. Ihre positive Korrelation zur Temperatur fiel an der Waldgrenze deutlich schwächer aus als bei der Lärche, in jüngerer Zeit war ein vergleichbarer Wachstumsanstieg nicht zu beobachten. Eine begleitende Studie an denselben Standorten (Obojes et al. 2022 in Agricultural and Forest Meteorology) zeigt, dass das Wachstum der Zirbelkiefer dort vor allem durch das Dampfdruckdefizit der Sommerluft limitiert wird, also durch die Trockenheit der bodennahen Atmosphäre. Auf denselben Standorten, unter demselben großräumigen Klimasignal, lagen somit zwei voneinander entkoppelte Reaktionsfunktionen vor.
Ein zweiter Befund betrifft die Hitzewelle von 2003. An allen tief- und mittelgelegenen Standorten lässt sich ein deutlicher Wachstumseinbruch im Jahresring ablesen, der mehrere Jahre anhielt. Eine Erholung des Zuwachses wurde frühestens um 2010 sichtbar. Einzelne Hitzeereignisse hinterlassen also nicht nur einen Eintrag im jeweiligen Jahresring, sondern ein Nachsignal über mehrere Folgejahre.
Methodische Folgerung
Die Konsequenz für die Übertragung auf andere Bestände wiegt schwerer als der Einzelbefund. Wer artspezifische Klimareaktionskurven aus standardisierten Quellen ohne Prüfung auf eine andere Art überträgt, kann die tatsächliche Reaktion einer feuchtigkeitsempfindlichen Spezies systematisch in die entgegengesetzte Richtung prognostizieren. Pauschale Zuordnungen von Baumarten zu Gewinnern oder Verlierern des Klimawandels, die ausschließlich mit der mittleren Erwärmung argumentieren, übersehen diese Differenzierung regelmäßig.
Folgen für die forstliche Praxis
Die alpine Studie ersetzt keine standortbezogene Kartierung eines konkreten Bestands. Sie verändert aber die Lesart, mit der ich Klimaaussagen in Forsteinrichtungsfragen begegne. Aussagen zur Sommerfeuchte und zum Dampfdruckdefizit erscheinen mir relevanter als Aussagen zur mittleren Jahreserwärmung, weil sich die wachstumslimitierenden Größen in der Vegetationsperiode konzentrieren. Die Dokumentation von Provenienzen ist überall dort sinnvoll, wo Klimareaktionen innerhalb derselben Art beobachtbar variieren, auch wenn Förderbehörden diese Angabe häufig nicht einfordern. Belastbare Aussagen zur Klimasensitivität eines konkreten Bestands liefern weniger Klimamodelle als die eigene Bestandsinventur, sofern sie in regelmäßigen Abständen wiederholt und sauber dokumentiert ist.
Quelle: Obojes, N., Buscarini, S., Meurer, A. K., Tasser, E., Oberhuber, W., Mayr, S., Tappeiner, U. (2024). Tree growth at the limits: the response of multiple conifers to opposing climatic constraints along an elevational gradient in the Alps. Frontiers in Forests and Global Change. DOI 10.3389/ffgc.2024.1332941