Felderfassung am Eichen­prozessions­spinner

Prozessionsspinner-Raupen in ihrer typischen Formation

Am 14. Mai 2022 standen wir vor einer Stiel­eiche in Briesener Zootzen in Brandenburg, am 15. Juni 2022 noch einmal am selben Baum. Im Mai lagen die Larven des Eichen­prozessions­spinners im Stadium L2 und L4 in einem Spinnnest, im Juni im Stadium L5. Aus diesem einen Nest stammen die Tiere, deren Transkriptom 2024 in BMC Genomic Data veröffentlicht wurde. Ich war an der Feld­sammlung beteiligt.

Allergen ab Stadium L3

Der Eichen­prozessions­spinner ist in seinen späten Larven­stadien gesundheits­relevant. Die Brennhaare, die die Tiere ab dem Stadium L3 bilden, enthalten Peptide, die Hautausschlag und Atemwegs­reizungen bis hin zu asthmatischen Reaktionen auslösen können. Die ersten beiden Stadien sind dagegen unauffällig. Forst­betriebe und Kommunen brauchen für jede Eingriffs­entscheidung eine klare Aussage zum Larven­stadium: das frühe Stadium L2 ist mit anderen Verfahren zu handhaben als ein L5-Nest in Spielplatz­nähe.

Methode

Aus jedem Sammel­termin wurden Tiere in flüssigem Stickstoff schock­gefroren und im Labor in Göttingen weiterverarbeitet. Im Anschluss wurde die RNA aus dem Larvengewebe isoliert und in elf Sequenzier­bibliotheken (vier für L2, vier für L4, drei für L5) überführt. Die Sequenzierung erfolgte auf einem MGISEQ-2000 der Firma BGI als 100+100 bp Paired-End-Reads mit 30 bis 55 Millionen Reads pro Bibliothek. Aus den Reads wurde mit der Trinity-Pipeline ein De-novo-Transkriptom der drei Larvenstadien assembliert; eine BUSCO-Analyse bestätigte 89,3 Prozent Vollständigkeit gegenüber dem Lepidoptera-Referenzset. Die Funktional­annotation erfolgte mit Trinotate, die differenzielle Expressions­analyse mit DESeq2.

Befund

Insgesamt 145.251 Transkripte aus 99.868 Genen. Rund 19.600 Gene zeigen statistisch signifikante Unterschiede zwischen den allergenen und nicht-allergenen Larven­stadien. Das nicht-allergene Stadium L2 unterscheidet sich auf der Ebene eines erheblichen Teils des aktiven Transkriptoms von L4 und L5. Daraus folgt für die Identifikation der allergenen Peptide eine erste Liste von Kandidaten­genen, die in den allergischen Stadien hoch­reguliert sind und in L2 nicht.

Was Förster und Kommunen daraus ableiten

Aus dem deutlichen genetischen Unterschied zwischen L2 und L4/L5 ergibt sich, dass die Stadiums­identifikation nicht eine Detail­frage des Pflanzen­schutzes ist, sondern die zentrale Entscheidungs­variable vor jedem Eingriff. Vor jeder Maßnahme an einem Nest lohnt deshalb die Bestimmung des Larven­stadiums. Sie entscheidet über Zeitfenster, Verfahren (Heißluft, Absaugen, Notfall­abtragung) und die persönliche Schutz­ausrüstung der Bearbeitenden. Die Pflanzen­schutz­dienste der Länder veröffentlichen jährlich Phänologie-Tabellen mit den erwarteten Stadiums­übergängen; in Hessen ist der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen Ansprechpartner.

Im forstlichen Tagesgeschäft berührt der Befund die naturschutz­fachliche und die gutachterliche Arbeit zugleich: Habitat­baum­kartierungen an alten Eichen sollten den Befall­status mitführen, und bei Verkehrs­sicherungs­fragen entlang Erholungs­wegen oder an Spielplätzen kommt das Stadiums­wissen direkt zum Tragen.


Quelle: Zicola, J., Dasari, P., Hahn, K. K., Ziese-Kubon, K., Meurer, A., Buhl, T., Scholten, S. (2024). De novo transcriptome assembly of the oak processionary moth Thaumetopoea processionea. BMC Genomic Data 25:55. DOI 10.1186/s12863-024-01237-7