Bei der Diskussion über den Klimawandel im Wald liegt der Fokus üblicherweise auf der oberen Waldgrenze, dort, wo Zirbe und subalpine Bestände wachsen. Die Daten aus dem Vinschgau zeigen ein anderes Bild: Die deutlichsten Wachstumseinbrüche der letzten Jahrzehnte stammen aus der Talsohle. Übertragen auf vergleichbare Tieflagenbestände in Hessen ergibt sich daraus eine forstlich relevante Konsequenz.
Wenn die Tieflage zur Trockengrenze wird
Anlage der Untersuchung
Grundlage sind 24 Standorte zwischen 1.070 und 2.320 Metern im Matsch-Tal. An den tiefsten Standorten dominieren Schwarzkiefer (Pinus nigra), Waldkiefer (Pinus sylvestris), Fichte (Picea abies) und Lärche (Larix decidua) auf südexponierten Hängen, die mittleren Lagen tragen Fichten- und Lärchenbestände, ganz oben kommen Zirbelkiefern hinzu. Pro Standort wurden zehn bis sechzehn Bäume mit 5-Millimeter-Bohrkernen beprobt. Die Ringbreiten der letzten Jahrzehnte wurden mit Tagesdaten der Klimastation Marienberg/Monte Maria und mit dem SPEI auf Zeitskalen von einem, drei und zwölf Monaten korreliert.
Befund
An allen Tieflagenstandorten unter 1.500 Metern zeigt sich ein einheitliches Muster, weitgehend unabhängig von der Baumart. Das Wachstum ist stark wasserlimitiert. Die Korrelationskoeffizienten von Ringbreite zu Niederschlag und SPEI sind dort am höchsten, sie liegen für mehrere Standorte über 0,6. An den höchsten und an den Waldgrenzstandorten treten teilweise sogar negative Korrelationen mit der Temperatur auf, also Hinweise auf wachstumsdämpfende Hitze in einzelnen Hochsommerphasen.
Ein zweiter, eng verwandter Befund betrifft das Nachsignal der Hitzewelle 2003. In allen Tieflagenchronologien ist sie als deutlicher Wachstumseinbruch sichtbar, und der Effekt zieht sich über die Folgejahre hin: eine Erholung des Basalflächenzuwachses lässt sich an den meisten Standorten erst um 2010 wieder ablesen. Eine einzelne Hitzesaison wirkt also nicht nur im Jahresring, in dem sie auftrat.
Übertragung auf hessische Tieflagen
Hessische Tieflagen sind nicht das Matsch-Tal: höherer Jahresniederschlag, niedrigere Sommerverdunstung, andere Baumartenzusammensetzung. Die zugrunde liegende Mechanik ist aber übertragbar. Auf Standorten mit primär wasserlimitiertem Wachstum drücken Hitzesommer den Zuwachs unabhängig von der Baumart und mehrere Jahre nach dem Ereignis. Vergleichbare Befunde aus den Trockensommern 2018 bis 2020 dokumentieren die Waldzustandsberichte der NW-FVA und der hessische Waldzustandsbericht, vor allem für Fichten- und Buchenbestände in den mittleren und unteren Lagen. Der Mechanismus ist derselbe, nur das Klimaniveau unterscheidet sich.
Konsequenz für die Standortseinschätzung
Wenn die Vermutung der Wasserlimitierung auch nur ansatzweise im Bestand vorliegt, ist die übliche Hierarchie der Standortsinformation umzudrehen. Die Niederschlagsverteilung in der Vegetationsperiode bekommt dann das größere Gewicht gegenüber Jahresmitteln, und der Bodenwasserhaushalt das größere Gewicht gegenüber Höhenstufe und Baumart. Vor der Baumartenwahl für die Folgegeneration lohnt sich daher eine standortskundliche Detailaufnahme, die die Verdunstungsdynamik mitführt, nicht nur die bodenchemische Klassifikation.
Die methodische Basis erklärt der Werkstattartikel über Bohrkerndaten, eine Vertiefung am Beispiel der Hochlagenarten steht in Lärche und Zirbe an der Baumgrenze; in der forstlichen Bearbeitung fließt der Schluss in Forsteinrichtung, Beförsterung und standortskundliche Gutachten ein.
Quelle: Obojes, N., Buscarini, S., Meurer, A. K., Tasser, E., Oberhuber, W., Mayr, S., Tappeiner, U. (2024). Tree growth at the limits. Frontiers in Forests and Global Change. DOI 10.3389/ffgc.2024.1332941